Was ist Kunst?

Aus einer großen Gesellschaft heraus
Ging einst ein stiller Gelehrter nach Haus.
Man fragte: „Wie seid Ihr zufrieden gewesen?“
„Wären’s Bücher gewesen“, sagt er, „ich würd‘ sie nicht lesen.“

Mehr als zweihundert Jahre später fällt mir zu diesem kleinen Gedicht noch ein Satz ein, den Johann Wolfgang von Goethe an seinen malenden Freund und Vertrauten Johann Meyer im Mai 1820 schrieb: „Es wird so entsetzlich viel gedruckt, daß man weder Vernünftiges noch Unvernünftiges hört, was man nicht soeben gelesen hat“, steht da in diesem Brief. Aber wie ist das heute?

Wir kämpfen darum, das gute alte Buch als Kulturgut in eine neue Zeit herüber zu retten. Das ist ein ehrbares und kluges Unterfangen, denn es wäre falsch, das Zepter dauerhafter Ignoranz zu überlassen. Ein Buch zu lesen, kommt einem beschaulichen Ritual gleich. Es trägt uns ein wenig fort von der aufgemotzten Weltmaschinerie mit ihrem unsinnigen Schwall an Informationen. Ein Buch zu lesen ist dem zuträglichen Maß aller Dinge, nämlich der Schrittlänge des Menschen, hilfreich und kann den Kopf nicht nur füllen, sondern auch klären.

Angesichts rund 90.000 jährlicher Neuerscheinungen allein auf dem deutschsprachigen Markt stellt sich aber auch die Frage, was wirklich wert ist, zwischen zwei Buchdeckel gepresst zu werden. Ist das Buch an sich ein besonderer Wert, egal was drinnen steht? Oder bestimmt ausschließlich der Inhalt seine Bedeutung? Wird immer noch zu wenig geschrieben oder längst schon viel zu viel? Warum, so fragte einst Mark Twain pointiert, solle man einen Roman schreiben, wenn man für zwei Dollar an jeder Ecke einen kaufen könne.

Was bedeutet es für eine Gesellschaft, sich ausschließlich an den quartalsmäßig erscheinenden Werbebeilagen der Zeitungen und Magazine zu orientieren, wenn es um den Kauf von Büchern geht? Wie sehr sind Kritiker inzwischen an diese „Orientierungshilfen“ gebunden? Die Frage, ob es noch Leute gibt, die tatsächlich ureigene Gedanken über das Weltgeschehen entwickeln können, drängt sich auf. Gedanken, die nicht dem einen oder anderen Kompendium vorsortierter Sätze entstammen. Schon Lichtenberg hatte die Leser grob in zwei Kategorien geteilt: die einen, die ein Buch lesen, um sich über seinen Inhalt zu echauffieren, die anderen, um sich in ihren eigenen Gedanken zu bestätigen. Jahrhunderte später besteht begründeter Verdacht, dass es die Möglichkeit des eigenen unbeeinflussten Denkens und Lesens gar nicht mehr geben kann, weil das allzu dicht gewordene Leben solches gar nicht mehr zulässt.

Wem wollen wir unser Denken und unsere Entscheidung zu lesen anvertrauen? Beliebig austauschbaren Politikern, von denen wir ohnehin längst erwarten, dass sie die meisten unserer Angelegenheiten regeln? Einer geriatrischen Literaturzeitschriften-Mafia, deren Günstlinge sich als inzestuöse Aktuare gegenseitig Subventionen und Preisgelder zuschieben, die einander im künstlichen Licht wechselseitig applaudieren, weil alles so zwanglos und leichtfüßig daherkommt, dass man beim Lesen gar nicht denken muss, weil da ohnehin nichts ist?

„Wären’s Bücher gewesen, ich würd‘ sie nicht lesen“, ließ Goethe seinem Unmut über eine sinnentleerte Expertengesellschaft freien Lauf. Ein gutes Jahrhundert später kam die Behauptung auf, alles sei Kunst, was jemand als Kunst bezeichnet, und das habe auch für die Literatur zu gelten. Wäre es nicht an der Zeit, wieder einmal die Herausforderung anzunehmen selbst zu entscheiden, welche Literatur man lesen möchte? Ich bin überzeugt davon. Alles andere degradiert den literarischen Künstler zum Objekt der Geschäftemacher, und am Ende steht nur noch eine Aktie in Form eines Buchdeckels. Leute für Literatur begeistern zu wollen ist sinnlos, wenn zwischen den Buchdeckeln bald keine Literatur mehr zu finden ist.