Worum es geht

Die zeitgenössische Literatur hat das Geschichtenerzählen lange Zeit sträflich vernachlässigt. Da werden persönliche Befindlichkeiten zwischen zwei Buchdeckel gequält, da werden langsam verblassende Jugenderinnerungen im Stil eines Schulaufsatzes zurück geholt, um sich selbst vorzugaukeln, man habe bedeutend gelebt, da tummeln sich selbsternannte „Romanciers“ im Brackwasser zahlloser Neuerscheinungen,  deren einziges Verdienst darin liegt, dass sie in der Lage sind,  unter dem Diktat ausufernder Sprachverbote und geistiger Zensur immer noch halbwegs vollständige Sätze zu formulieren, die dem herrschenden Meinungsdiktat entsprechen. Spannungsbogen, dramaturgischer Aufbau und dergleichen altmodisches Zeugs sind nicht vorhanden, braucht man auch nicht, denn wie will man etwas verstehen, wo es nicht einmal etwas zu begreifen gibt.

„In der Literatur geht es immer um Liebe und Tod, alles dazwischen ist Mumpitz“, hat Marcel Reich-Ranicki einmal gesagt. Worauf also sollte es sonst ankommen, als auf die besondere Fähigkeit, die immer gleichen Wendungen des Lebens mit der Attitüde der persönlichen Seelenhandschrift neu zu behandeln, also auf die dankbare Freude an der begnadeten Formulierung und die Gabe, mit Worten Gemälde und Gefühle zu erschaffen, die man – lesend - tatsächlich sehen kann. Das Buch eines wahrhaften Dichters lässt mich noch dazu die Seele des Verfassers ahnen, sobald ich es nur zur Hand nehme.

„Mumpitz bezeichnet übrigens eine spätmittelalterliche Schreckgestalt für Toren, aber auch schwindelhaftes Gerede“, heißt es im Lexikon (ja, ich schlage zuweilen noch in Büchern nach, wenn ich etwas wissen will, und ich schäme mich nicht dafür). Die Frage ist, was an einem Buch wirklich relevant ist, und was lediglich Aufputz für eine törichte Masse, der man das Denken abgewöhnt hat und die mit ihren Steuergeldern die Subventionen der Selbstbeweihräucherer finanziert.