EINE FORM VON INTELLIGENZ

Aus André Hagels Texten spricht jener Schalk, der ihm im Nacken sitzt; und zwar von der ersten bis zur letzten Zeile. Wenn er scheinbar belanglos über ein nutzloses Spiel mit Bauklötzen schwadroniert und dieses beinahe stolz torpediert, erscheint über der Buchseite wie von Geisterhand das schelmische Grinsen des Autors. Spätestens da beginnt man, nachzudenken. Zum Beispiel darüber, wie viele sinnlose Tätigkeiten erwachsene Menschen ausführen, nur um wenigstens „irgendwo“ einen Erfolg vorweisen zu können. Einen Erfolg, der doch einzig dem zu verdanken ist, der den Turm aus Bauklötzchen zuvor umgestoßen hat. Das ist eine Erkenntnis.

Ob er als Junge der beim Karl-May-Film eingeschlafenen Oma ins Knie schießt oder den Untergang der DDR in erster Linie den „Stehpinklern“ in die Schuhe schiebt, ob er im Auftrag der Frau seines Lebens jeden Morgen nackt die Dusche von Kalkablagerungen säubert anstatt sich selbst zu befreien, immer schwebt ein großer Gedanke über den scheinbaren Nebensächlichkeiten, und der hat es in sich. Spätestens, wenn André Hagel als einsamer Weinverkoster versucht, der sozialen Ausgrenzung durch die so genannten „Weinkenner“ zu entgehen oder unter dem Motto „Zurück zur Natur“ den neu angeschafften Grill zum Selberbauen abfackelt („Mein Haupthaar wird wieder nachwachsen, da vertraue ich der Kunst der Ärzte“), erkennt der Leser, dass er hier ein Büchlein voll feinsinnig-boshafter Schmuckstücke vor sich hat. Der Spötter aus Ibbenbüren, der in Wahrheit aus Münster kommt, hat Substanz, amüsiert und regt zum Nachdenken über das Leben an. Dieses Buch hat das Zeug zur Pflichtlektüre. Gut zu unterhalten ist große Kunst.

Angesichts des Untergangs der DDR kann ich allerdings nicht umhin, mich selbst stolz als standhaften Stehpinkler zu outen. Da mag es noch so viel Kritik hageln.

Klaus Unterrieder